Generative Gestaltung reloaded

Generative Gestaltung 2

Die Ästhetik der Zahlen

Ich möchte gerne an den Blogeintrag vom 04.08.2010 anknüpfen und das umfangreiche Thema „Generative Gestaltung“ noch mal aufgreifen. Steffen hat uns schon ausführlich aufgezeigt, was sich genau hinter den Begriff „Generative Gestaltung“ verbirgt. Da jedoch die Vielfalt der Anwendungen von generativen Codes und Design immer mehr zunimmt, setzt sich dieser Artikel mit den Vorteilen, den vorhandenen Systemen und beeindruckenden Beispielen der Generativen Gestaltung auseinander.

Immer mehr Gestalter entdecken die Schnittstelle zwischen Computer und Design und nutzen Code als Entwurfsmedium. Programme wie Processing, VVVV, Quartz Composer, Open Framework oder Cinder ermöglichen ganz neue Paradigmenwechsel und öffnen den Designer formal die Tür zu neuen Bilderwelten. Man darf dabei jedoch nicht vergessen, dass nicht der Computer ein ästhetisches Empfinden entwickelt oder gar intelligent wird und gestalterische Ideen entwickelt, sondern dieser setzt lediglich die eingegeben Algorithmen des Designers um.

Was ist nun eigentlich der Vorteil und warum sollten sich Kreative mit Code und Programmiersprache auseinander setzen?

Die Lösung ist ganz einfach. Nehmen wir ein Beispiel aus der Kunst Da Vinci´s „Uomo Vitruviano“. Damals musste Da Vinci präzise die Proportionen des Menschen berechnen. Würde er in unserer Zeit leben und wieder ein solches Bild digital anfertigen wollen, so würde er sich des technischen Fortschritts bedienen und mit Hilfe von Regeln(Algorithmen) in Form von Code ein solches Bild und dessen Proportionen von einem Computer berechnen lassen. Kurz um der Designer der Gegenwart kann sich für Bilder, die durch Code‘s erzeugt werden, sehr viel Zeit sparen, da er diese sonst präzise berechnen, erzeugen, anordnen oder animieren müsste wie zum Beispiel bei einen Partikelstrom, Ornamenten oder Kaleidoskopeffekten oder filigranen Grafiken wie Verästelungen.

Der Vorteil ist eindeutig, es entstehen Resultate, die analog nur schwer oder kaum umsetzbar wären. Aber diese Möglichkeiten setzen ein mathematisches Grundverständnis voraus und die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte in ihren Ursprung zu zerlegen und zu abstrahieren. In der Umsetzung heißt das, es gibt einen kleinen Nachteil für den Gestalter – der Umgang mit einer Programmiersprache. Jedoch gibt es für Programmieranfänger empfehlenswerte Applikationen, die den Einstieg ins programmieren erleichtert.

Welche Applikation/Framework ist also das Beste für mich?

Wichtige Auswahlkriterien sind zum Beispiel Plattform, Programmiersprache und Schwierigkeitsgrad. Quartz Komposer und VVVV basieren auf einer fast grafisch ähnlichen Sprache „Nodes“, das sind Knotenpunkte, die zum coden benutzt werden. Bei VVVV besitzen die Nodes immer Ein- und Ausgabepins, die durch eine Linie oder auch virtuelles Kabel zum nächsten Node verbunden werden. Dabei ist die Richtung wichtig - Eingabepins müssen immer oben angeordnet sein und Ausgabepins unten. Ebenso ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass VVVV in Echtzeit funktioniert d.h. Änderungen im Code werden direkt im Viewer gezeigt ohne ihn aufzurufen. Quartz Composer ist ähnlich aufgebaut. Der Unterschied besteht darin, dass die Aufbereitung etwas grafischer ist als VVVV. Es werden wieder Nodes benutzt, die dieses Mal aber Patches heißen. Die Applikation versucht den Programmierer weitestgehend zu unterstützen, indem sich die virtuellen Verbindungskabel in verschiedene Farben färben. Ein gelbes Kabel besagt die Verbindung der Patches ist sinnvoll. Ein oranges ist ebenfalls sinnvoll, funktioniert aber nur in Einzelfällen und ein rotes Kabel bedeutet mögliche Verbindung, ist aber nicht sinnvoll. Neben der Verbindungshilfe gibt es außerdem im Editor die Clip Libary, welche eine kurze Erläuterung über einzelne Patches gibt. Der größte Unterschied zwischen VVVV und Quartz Composer ist eigentlich die Plattform. VVVV wurde nur für Windows entwickelt und Quartz Composer ist eine Applikation aus den Hause Apple, die man kostenlos in den Developer Tools findet. Beide sind durch ihre „grafische“ Programmiersprache für Anfänger geeignet, aber „Processing“ ist eindeutige der „Platzhirsch“ unter den Applikationen. Processing wurde vom MIT entwickelt und läuft auf fast allen Plattformen wie Mac, Win, Linux und sogar iOS für iPhone. Sie ist eine Open Source Applikation und es hat sich eine riesige Fangemeinde in verschiedenen Foren entwickelt, die an der Anwendung arbeiten und sie weiterentwickeln. Man muss allerdings dazu sagen, leider ist Processing nicht so visuell wie VVVV oder Quartz Composer, da hier wird mit der Programmiersprache Java gearbeitet wird. Es gibt jedoch eine umfangreiche Libary und Referenzen auf der Seite von Processing und Größen wie John Maeda befasst sich in seinen Büchern „Design by Numbers“ und „Creative Code“ mit dem Thema.

Zum Abschluss nun noch etwas für Wagemutige Cinder und Open Frameworks. Die zwei Frameworks eignen sich auch sehr gut und man findet unter http://libcinder.org/ interessante Beispiele, die einen anspornen sich mit der sehr komplexen Programmiersprache C++ auseinanderzusetzen. Der Vorteil ist sie laufen beide wieder unter Mac, Win und Linux. Beide Frameworks sind ebenfalls quelloffen.

Wer nun den Artikel gelesen hat und immer noch denkt, das Kunst und Technik keine spannende Symbiose ergibt, sollte sich unbedingt folgende Links ansehen.

Quayola mit Strata – Formation von klassischer Kunst
http://www.quayola.com/index.php?/strata-3-bordeaux/

Local Distance – Architekturcollagen durch analysieren von Fluchtpunkten
http://www.localdistance.org/index.php

Formation der Substanz Ferrofluid an einen Magneten
http://www.youtube.com/watch?v=me5Zzm2TXh4



Unendlich viele Beispiele auch für die erwähnten Applikationen wie Processing, VVVV, Quartz Composer, Cinder und Open Frameworks findet ihr unter:
http://www.creativeapplications.net/